Caritas-Kollektivvertragsverhandlungen – Interview mit Roman Krenn (GPA-djp)

Roman Krenn, Sekretär der GPA-djp, der den Caritas-Kollektivvertrag verhandelt

Viele KollegInnen warten schon darauf, wie die Ergebnisse der KV-Verhandlungen heuer sein werden. Am 15. Dezember wurden die Forderungs- und Themenpakete übergeben. Als erster Verhandlungstermin wurde der 20. Jänner 2017 festgelegt. Sollte da noch kein Abschluss möglich sein, wird am 24.1. weiter verhandelt.

Wir präsentieren dir hier die Themenpakete, mit denen ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen in die Verhandlungen gehen.

Worum es den Arbeitnehmerinnen heuer in den Verhandlungen geht, erläutern wir im Interview mit Roman Krenn, dem Sekretär der GPA-djp, der den Caritas-KV gemeinsam mit BetriebsrätInnen verhandelt.

Du hast ja bei der heurigen JubilarInnenfeier für uns gesungen, wie war da dein Eindruck von der Caritas-Wien und ihren MitarbeiterInnen?

Roman Krenn: Wir, also unser ganzes Ensemble Body&Soul, haben diese beiden Abende sehr genossen! Ich habe noch selten zuvor eine JubilarInnen Ehrung erlebt, bei der eine derartig positive Grundstimmung mit absolutem „Event“ Charakter geherrscht hat. Abgesehen von dem Blickwinkel als Sänger war ich beeindruckt von der Breite der wertvollen sozialen Arbeit der Caritas. Noch beeindruckender war nur die Selbstverständlichkeit, Würde und Freude, welche die Kolleginnen und Kollegen ausgestrahlt haben. Dieser Leistung gerecht zu werden ist natürlich auch ein Auftrag an uns Interessenvertreter!

Das Singen ist ja nur dein Hobby, hauptberuflich bist du bei der GPA-djp als Sekretär beschäftigt. Was machst du dort genau?

Roman Krenn: Ich unterstütze BetriebsrätInnen beim Verhandeln von Kollektivverträgen nicht nur bei der Caritas, sondern auch im industriellen sowie im gewerblichen Bereich. Ich bin auch für Arbeitskräfteüberlassung im Angestelltenbereich zuständig und für Branchenarbeit auf Bundesebene.

Wie viele Kollektivverträge verhandelt die GPA-djp und wie viele verhandelst du?

Roman Krenn: Aktuell verhandelt die GPA-djp jährlich etwa 165 Kollektivverträge. In meinen Verantwortungsbereich fallen zur Stunde 13 Kollektivverträge in 6 verschiedenen Wirtschaftsbereichen.

Einer davon ist der Caritas-Kollektivvertrag. Welche Vorteile siehst du darin, dass die Caritas einen eigenen Kollektivvertrag hat?

Roman Krenn: Ein Betriebskollektivvertrag kann, im Unterschied zu einem Branchenkollektivvertrag, stärker auf betriebliche Kulturen und Terminologien eingehen. Auch bei der Bewertung des wirtschaftlichen Erfolgs hat man nicht die Heterogenität vieler Betriebe zu berücksichtigen.

KOLLEKTIVVERTRAGSUMFELD 2017

Wie siehst du heuer die Rahmenbedingungen für die Verhandlungen?

Roman Krenn: Volkswirtschaftliche Rahmenbedingungen waren für Kollektivvertragsverhandlungen fraglos schon einmal besser, aber auch schlechter. Die Inflation, bzw. der VPI (Verbraucherpreisindex) lagen im Durchschnitt der letzten 12 Monate bei 0,8%. Die Prognose für das Jahr 2016 liegt bei etwa 1%. Klar ist, dass Menschen mit kleinerem Einkommen, insbesondere Teilzeitkräfte, stärker durch die Teuerung bei den so genannten Gütern des täglichen Bedarfs für Miete und Energie getroffen werden. In den Bereichen des Wohnens und der Nahrungsmittel liegen die VPI-Werte zwischen 2,7% – 1,3%, was eher der erlebten Kostenrealität von ArbeitnehmerInnen entspricht. Das Wirtschaftswachstum ist mit etwa 1,5 % auch nicht gerade „boomend.“ Geringeres Wirtschaftswachstum bedeutet immer weniger Einnahmen an Steuern für den Staat. Dies führt zu einer restriktiveren Haltung des Staats bei der Finanzierung wichtiger Bereiche, leider auch der Sozialwirtschaft. Zum Glück ist die Caritas nicht in vollem Umfang von der finanziellen „Mildtätigkeit“ der Republik und ihrer Vertreter abhängig!

Welchen KV-Abschluss lässt das für uns erwarten?

Roman Krenn: Meine Erwartungshaltung ist gar nicht so zurückhaltend, wie es die allgemeinen volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen vermuten lassen! Eine niedrige Inflation lässt Erfahrungsgemäß eine höhere reale Anhebung der Gehälter über dem VPI zu. Das belegen auch ganz klar die Kollektivvertragsabschlüsse anderer Branchen, die sich in diesen Tagen allesamt in einem Bereich von 1,7% – 1,3% beim Entgelt bewegen. Einen Abschluss in dieser Klasse streben wir jedenfalls auch an! Es geht aus unserer Sicht ganz klar um eine nachhaltige Abgeltung der fantastischen Arbeit der Kolleginnen und Kollegen!

AUCH INHALTLICH GIBT ES HANDLUNGSBEDARF

Gibt es besonderen Handlungsbedarf bei bestimmten Verwendungsgruppen?

Roman Krenn: Entgeltlich in jedem Fall! Die Caritas kann sich auf hervorragend ausgebildete Fachkräfte verlassen. Allerdings leben und arbeiten diese Menschen nicht unter einer Glocke, entkoppelt von der restlichen Arbeitswelt in Österreich. Konkurrenzsituationen werden in Zukunft nicht nur am Anbietermarkt gegenüber dem Kunden weiter ansteigen! Wenn die Caritas nicht bald nur mehr mit bedeutenden Überzahlungen zum kollektivvertraglichen Mindestgehalt am Arbeitsmarkt um diese Fachkräfte kämpfen möchte, wird es notwendig sein, insbesondere die Fachkräfte in den Verwendungsgruppen III und Va sehr zeitnahe an das branchenübliche Gehalt anzupassen. Hier gibt es – durchaus auch im Sinne der Arbeitgeberseite – jetzt bereits Aufholbedarf! Ich fürchte darüber hinaus, dass die neuen, zusätzlichen Verantwortlichkeiten und Kompetenzen, welche sich jüngst aus dem Gesundheits- und Krankenpflegegesetz ergeben haben, noch nicht von allen Playern wahrgenommen werden! Diese erheblichen zusätzlichen Verantwortlichkeiten werden selbstverständlich sukzessive und völlig unwillkürlich in der täglichen Arbeit Platz greifen. Das dürfen und werden wir keinesfalls übersehen! Mehr Verantwortung muss auch mehr Einkommen bedeuten!

Der Kollektivvertrag soll ja auch inhaltlich weiterentwickelt werden. Welche Schwerpunkte siehst du da für die bevorstehenden Verhandlungen?

Roman Krenn: Unser gewerkschaftliches Verhandlungsteam macht es sich im Vorfeld einer solchen Verhandlung nicht leicht. Es werden unterschiedlichste Forderungen eingebracht, die von den jeweiligen „Paten“ mit großer Entschlossenheit auch vertreten werden. Demzufolge sind unsere rahmenrechtlichen Themen für die vor uns liegende Verhandlung wieder sehr ambitioniert und auch umfangreich. Einen Schwerpunkt zu formulieren ist nicht mein vordringlicher Wunsch, weil es unweigerlich zu einer Wertung unserer einzelnen Positionen führen würde. Das will ich definitiv nicht. Natürlich gibt es Punkte, wie die Einberechnung von Zuschlägen und Zulagen in die Sonderzahlungen, von der alle Kolleginnen und Kollegen gleichermaßen profitieren würden. Eine Forderung, die uns bereits einige Zeit begleitet und deren Umsetzung wir anstreben. Aber auch wichtige sozialpolitische Entwicklungen, die nicht in der Breite wirken, die für Einzelne aber eine große organisatorische oder finanzielle Hilfe darstellen, sind uns wichtig. Wichtig ist zugleich zu verstehen, dass rahmenrechtliche Entwicklungen nicht völlig vom entgeltlichen Bereich zu entkoppeln sind. Das sind kommunizierende Gefäße und die Arbeitgeberseite rechnet uns bei den Verhandlungen natürlich jeden Erfolg im Rahmenrecht beim Prozentsatz auf das Zehntel genau gegen. Hier gilt es nach Möglichkeit entweder beides erfolgreich umzusetzen oder abzuwägen, welches Bedürfnis das größere ist. Oftmals, zugegeben, eine schwere Entscheidung.

In einem Berufsumfeld, in dem Wechsel des Arbeitgebers viel öfter praktiziert werden als früher, ist ja die Anrechenbarkeit von Vordienstzeiten relevant. Wird das bei den Verhandlungen Thema sein?

Roman Krenn: Ja, unbedingt! Auch in dem Kontext liegt eine entsprechende Regelung beim Werben um qualifizierte Fachkräfte, wie beim Gehalt, durchaus im Interesse der Arbeitgeberseite. Wir hoffen hier sehr stark auf den Weitblick der Geschäftsführung!

Viele KollegInnen melden uns, dass sie Störungen im schlafenden Nachtdienst nicht bezahlt bekommen. Wird das in die Verhandlungen einfließen?

Roman Krenn: Arbeit darf nicht unentgeltlich sein! Das ist ein gewerkschaftlicher Grundsatz! Die derzeitige kollektivvertragliche Abgeltung im Rahmen von Nachtdiensten mit Schlaf- bzw. Ruhemöglichkeit erachten wir als eine Abgeltung für den Bereitschaftsdienst im Kontext mit einer Anwesenheitsbereitschaft. Wenn allerdings während dieser Zeit ein Arbeitseinsatz passiert, dann sollte dieser auch eine entsprechende Abgeltung erfahren! Ähnlich lauten Bereitschaftsdienstreglungen in nahezu allen anderen Kollektivverträgen der GPA-djp. Eine geringfügige pauschale Abgeltung von „eh allem“ erachten wir in dem Zusammenhang als nicht zulässig!

Viele KollegInnen klagen über geteilte Dienste. Wie werdet ihr dieser Entwicklung begegnen?

Roman Krenn: Objektiv betrachtet wird es uns nicht gelingen geteilte Dienste abzuschaffen, wenngleich wir uns eine höchst mögliche Einschränkung wünschen würden. Unser Ziel ist es, wenigstens die Rahmenbedingungen für Kolleginnen und Kollegen bei geteilten Diensten organisatorisch oder entgeltlich attraktiver zu gestalten. Organisatorisch ist es ungemein schwierig mit der Arbeitgeberseite eine Veränderung zu vereinbaren, weswegen wir in diesem Jahr eine entgeltliche Verbesserung anstreben. Dies soll in Form einer Abgeltung des Arbeitsweges erreicht werden, wenn Kolleginnen und Kollegen zwischen dem geteilten Dienst nach Hause fahren und de facto einen extra Arbeitsweg haben.

SCHON LANGE EIN ANLIEGEN: FORTBILDUNGSZEITEN FÜR TEILZEITKRÄFTE

Betriebsrätin Gabi Wurzer setzt sich schon seit langem für die Gleichstellung von gesetzlich vorgeschriebener mit angeordneter Fortbildung ein. So soll die tatsächliche Dauer der Fortbildung als Arbeitszeit geschrieben werden ohne Aliquotierung bei Teilzeitkräften und die Wegzeit zur und von der Ausbildung soll Arbeitszeit sein. Wird das in der Verhandlung einfließen?

Roman Krenn: Auch dazu ein klares ja! Aufgrund neuer Ausbildungsvorschriften zur Aufrechterhaltung der fachlichen Qualifikation rückt dieses Thema zusehends in den Fokus unserer Bemühungen! Wieder ein Punkt, der durchaus auch im Interesse der Caritas liegen müsste, stellen doch die Kolleginnen und Kollegen ihre ständig am aktuellen Stand befindliche Qualifikation zur Verfügung und tragen zur hervorragenden Performance der Caritas und ihrem guten Ruf bei. Eine Gleichbehandlung wie bei angeordneter Aus- und Weiterbildung ist unser erklärtes Ziel!

Wie wird der Kollektivvertrag versuchen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiter zu verbessern?

Roman Krenn: Ab dem 01. März 2017 haben ArbeitnehmerInnen die Möglichkeit, die so genannte „Familienzeit“ zu vereinbaren. Umgangssprachlich besser bekannt als „Papamonat.“ Dieser „Papamonat“ ist zur früheren Version bedeutend attraktiver, weil künftig für dieses Monat eine finanzielle Unterstützungsleistung bezahlt wird. Unser Ziel ist es, insbesondere jungen Vätern, die Gelegenheit zu geben, diese wertvolle Familienzeit in den ersten Tagen der neuen Familie auch gesichert in Anspruch nehmen zu können, wenn sie das möchten, ohne dass die vorherige Zustimmung des Arbeitgebers notwendig ist. Auch ein arbeitsfreier Tag unter Fortzahlung des Entgelts bei Einschulung des Kindes steht auf unserem Programm.

Viele KollegInnen sind schon Gewerkschaftsmitglieder, andere sehen keinen Sinn darin. Was sagst du ihnen und wie hängt die Mitgliedschaft mit dem Kollektivvertrag zusammen?

Roman Krenn: Ich möchte diese Frage in diesem Forum nicht mit den allgemeinen gewerkschaftlichen Argumenten, wie Kollektivvertrag, Rechtsberatung und -vertretung, Versicherung, etc. beantworten. Lass uns das Thema einmal von der andern Seite angehen. Die Caritas ist eine Einrichtung der katholischen Kirche. Deswegen gehe ich davon aus, dass sich die meisten Kolleginnen und Kollegen auch ein Stück weit mit der christlichen Soziallehre identifizieren, die in der Kirche gerade in diesen Tagen, mit dem Schwerpunkt der Bekämpfung von Armut und Elend, besonders im Vordergrund steht. Diese Welt muss gerechter werden! Was bedeutet das aber?

Bei der christlichen Soziallehre geht es u.a. im Detail um ein Menschenbild der unantastbaren Würde und es geht um Solidarität als Grundprinzip des menschlichen sozialen Zusammenhalts. Ohne Einschränkung entspricht dies auch dem Leitbild einer Gewerkschaftsorganisation!

Man sollte sich folgende Fragen stellen: Will ich Gerechtigkeit?

Will ich faire Chancengleichheit?

Will ich ein würdevolles und soziales Miteinander im Job und in der Gesellschaft?

Wenn man also für diese Werte steht, wie kann man dann in einer gewerkschaftlichen Organisation keinen Sinn erkennen? Hinter der Gewerkschaftsbewegung steht die Gewissheit und Überzeugung sich genau für die notwendigen Bedürfnisse der Menschen einzusetzen! Manchmal erfolgreich, manchmal weniger, aber stets beharrlich und fortwährend!

Ganz pragmatisch formuliert gibt es natürlich im Zusammenhang mit der Verteilungsgerechtigkeit, insbesondere im Rahmen von Kollektivvertragsverhandlungen, und um die Frage zu beantworten, auch das schnöde Erfordernis der „Macht.“ Es ist kein Zufall, dass fortwährend die in ihrem Wert höchsten Kollektivvertragsabschlüsse, und somit auch die gerechteste soziale Umverteilung, in jenen Branchen geschehen, die auch die höchste gewerkschaftliche Organisationsdichte aufweisen. Machtvoll zu sein, bedeutet sicher nicht mit der geliehenen Macht leichtfertig umzugehen, sondern diese mit Bedacht für einen solidarischen Ausgleich und den Blick auf das Gesamte einzusetzen! Dafür sind wir bereit. Wir schaffen das aber nicht ohne Euch!

Daher mein Appell an alle, die noch nicht Mitglied der GPA-djp sind:
Bitte verleiht uns mit der Solidarität eurer Mitgliedschaft die Macht, um noch mehr Gerechtigkeit für Kolleginnen und Kollegen in der Caritas zu schaffen und damit auch die Welt ein Stück besser und gerechter zu machen!

DANKE FÜR DAS GESPRÄCH

 

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