Das Interview zur Betriebsratswahl der Caritas-Wien 2015

Interview_Bild2Michael Schediwy-Klusek Sekretär der GPA-DJP im Gespräch mit den Betriebsratsvorsitzenden Gabi Wurzer und Josef Wenda

Der Kurier titelte am 18.01.2014 mit „Der Konzern Caritas“. Was bedeutet es für Euch als Betriebsratsvorsitzende in so einem großen Unternehmen tätig zu sein?

Gabi: Die große Herausforderungen ist es durch die Unternehmensgröße Kontakt zu den MitarbeiterInnen in den einzelnen Einrichtungen zu haben. Wie kommen MitarbeiterInnen zu Informationen? Dieser Kontakt kann durch die Unternehmensgröße nie ausreichend stattfinden.

Josef: Durch unsere Größe, als Caritas mit eigenem KV und 4.500 MitarbeiterInnen, müssen wir uns bewusst sein, dass das, was wir im Rahmen der KV und BV-Verhandlungen tun, auch Auswirkungen auf andere hat. Da sind wir nicht im luftleeren Raum.

 

Ihr seid ja Betriebsratsvorsitzende von zwei Firmen. Gabi von der Ges.m.b.H und Josef von der Hilfe in Not. Wie sieht Eure Zusammenarbeit aus?

Gabi: Wir arbeiten sehr eng zusammen und treten auch gegenüber der Geschäftsführung gemeinsam auf. Das signalisiert Stärke. Auch wenn das einiges an Aufwand bedeutet, wir stimmen uns intensiv ab, auch wenn Materien nur einen von uns betreffen. Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren.

Josef: Wir haben voriges Jahr eine Gleitzeitvereinbarung für die gesamte Caritas-Wien ausverhandelt. Grundsätzlich versuchen wir, Regelungen zu finden, die einheitlich für alle gelten. In den Verhandlungen treten wir somit gemeinsam auf und versuchen vorher Konsens zwischen uns zu finden.

Wo wir jedoch meist getrennt von einander arbeiten, das ist bei der konkreten Einzelberatung der KollegInnen, da die Nähe zum Beispiel zu den Verantwortlichen größer ist.

 

Als Gewerkschaftssekretär konnte ich das schnelle Wachstum der Caritas mitverfolgen. Wenn ihr auf die letzten 4 Jahre zurückseht, welche besonderen Aufgaben haben sich Euch gestellt?

Josef: Da fällt mir die Ausgliederung der KüchenmitarbeiterInnen ein, die auch einen Wechsel in einen schlechteren KV zur Folge hatte. Das hat zwar nur ca. 1% der KollegInnen betroffen. Für uns war es jedoch ein gravierender Punkt, weil wir nicht wissen, wie weit das noch gehen wird.

Gabi: Für die bestehenden ausgegliederten KollegInnen ist es uns gelungen, gute Regelungen auszuhandeln, die die Verluste in Grenzen halten. Aber für neu einsteigende KollegInnen, die im ausgegliederten Bereich anfangen, ergibt sich ein eindeutiger Nachteil, da der Caritas-KV für sie nicht mehr gilt. Diese Ausgliederung war eine große Herausforderung, da es viel Arbeit war, die Verluste für die KollegInnen in Grenzen zu halten.

 

Das heißt Ihr habt da die Gefahr gesehen, dass weitere Ausgliederungen folgen könnten. Kam es dazu?

Josef: Nein, bis jetzt kam es nicht dazu. Unsere Frage, ob das der einzige Bereich sein wird, der ausgelagert wird, wurde nicht beantwortet. Da wollte man sich nicht festlegen. Das beunruhigt uns.

 

Wie sieht es bei Dir aus Gabi, was hat Dich in den letzten 4 Jahren vor schwierige Situationen gestellt?

Gabi: Mich beschäftigt die Veränderung der Beschäftigungsausmaße. 2009 und 2010 hatten wir eine Regelung, welche es ermöglichte, dass man bei regelmäßig geleisteten Mehr- und Überstunden Anspruch auf die Ausweitung des Anstellungsausmaßes hatte. So konnten wir viele KollegInnen in Vollzeitbeschäftigung bringen. Diese Regelung ist gefallen. In den letzten 4 Jahren habe ich vor allem im Pflegebereich die Entwicklung beobachtet, dass die Anstellungsausmaße mehr und mehr abnehmen. KollegInnen kommen nur ganz schwer zu mehr Stunden. Das beschäftigt mich als Frau besonders, weil das vor allem für Frauen in der Pension massivste Auswirkungen haben wird. Der Trend ist auch zu erkennen, dass die KollegInnen Anstellungsausmaße zurückstufen müssen, weil gedroht wird, dass ihre Station sonst schließen wird. Wir sprechen da von Beschäftigungsausmaßen von 20, 25, maximal 30 Wochenstunden. Man kann sich ausrechnen, was die Kolleginnen dann in der Pension bekommen werden.

 

Die Caritas ist ein sozial engagiertes Unternehmen. Aber die Caritas-Wien hat auch 4.500 MitarbeiterInnen. Das erzeugt Widersprüche in Form von Dingen, die nach innen nicht passieren dürften. Wie wird das soziale Engagement nach innen hin gelebt?

Gabi: Wir Betriebsräte werden eher als Störfaktor im Betrieb gesehen und nicht als Interview_Bild3Partner im Unternehmen. Viele KollegInnen haben zum Beispiel Angst, dass bei ihren Einrichtungsleitungen rauskommt, dass sie sich an den Betriebsrat gewandt haben. Diese Angst halte ich für unbegründet, denn alternativ wendet sich auch die Einrichtungsleitung ans Personalbüro und setzt diese Vorgaben dann um. An den Betriebsrat kann man sich immer – vor allem in einem sozialen Unternehmen – immer wenden!

Josef: Das Engagement für die Caritas und die Identifikation mit dem Arbeitsinhalt ist ein sehr hohes Gut. Viele KollegInnen sind ohnehin bereit, mehr als 100 Prozent zu geben. Das birgt aber auch Gefahren in sich, dass MitarbeiterInnen über ihre Grenzen gehen, mehr als es ihnen guttut. Es liegt in der Verantwortung der Firma, darauf zu achten, dass die MitarbeiterInnen unter vernünftigen Bedingungen arbeiten können und der Druck nicht zu groß wird. Da ist es manchmal nötig, MitarbeiterInnen eher zu bremsen, als ihnen noch mehr abzuverlangen.

Zusätzlich fInterview_Bild4ühren enge Budgets und oft gleichzeitig steigende Anforderungen zu steigendem Druck auf die KollegInnen. Ich frage mich, wem das langfristig nutzen soll. Es ist doch im Interesse aller, wichtige Arbeit unter vernünftigen Arbeitsbedingungen zu leisten. Unsere Arbeitsbedingungen sind – fürchte ich – zum Teil nicht mehr gesund. Da geht auch viel an Identifikation mit der Arbeit verloren.

Ich freue mich über das Projekt der Betrieblichen Gesundheitsförderung und denke, dass wir dem Aspekt der Arbeitsbelastung da noch mehr Aufmerksamkeit schenken müssen. Da braucht man nicht auch noch strukturellen Druck auszuüben.

 

Was waren aus Eurer Sicht die wichtigsten Dinge, die Ihr als BetriebsrätInnen in den letzten 4 Jahren gemeinsam für die KollegInnen erreicht habt?

Gabi: Das Zeitwertkonto, welches wirklich gut ist, wenn es richtig gelebt wird. Da haben KollegInnen die Möglichkeit, Mehr– und Überstunden bzw. Gehaltbestandteile anzusparen und als Freizeit im Ausmaß von zu mindestens einem Monat zu konsumieren.

Und auch die Gleitzeitvereinbarung für die KollegInnen ist eine solche Errungenschaft, da die KollegInnen auch mitbestimmen können, wie sie ihre Arbeitszeit und Freizeit gestalten wollen.

Josef: Was ich aus meiner Sicht noch ergänzen möchte ist: Wir haben für unseren Bereich den Schwerpunkt auf die Stundenabrechnung gelegt – es geht darum, ob Mehr- und Überstunden richtig abgerechnet werden. Das war alles nicht einheitlich. In Zusammenarbeit mit der Bereichsleitung haben wir dann die Zeitlisten aller MitarbeiterInnen angeschaut, haben auch ein Jahr rückwirkend die Stundenabrechnungen aufgerollt und richtig gestellt. Jetzt können wir sagen, dass jede/r korrekt abgerechnet wird.

 

In wie weit ist altersgerechtes Arbeiten in Eurem Betrieb im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung Thema?

Josef: Ich denke, da könnten wir noch mehr tun – es geht darum, welche Modelle wir in unterschiedlichen Lebensphasen anbieten können. Zum Ziel könnten wir uns im Rahmen von Diversität setzen, dass wir zum einen ein familienfreundlicher Betrieb werden, zum anderen aber auch schauen, welche Bedürfnisse ältere MitarbeiterInnen haben.

Gabi: Nichts desto trotz, gibt es in den Bereichen Probleme (Anm.: Mobile Dienste), wo es zum Beispiel kaum planbare Freizeit gibt, weil die Dienstpläne kurzfristigst erstellt werden. Die KollegInnen dort haben keinen Dienstplan der dem Gesetz entsprechen würde. Sie arbeiten von einer Woche auf die andere, manche sogar von einem Tag auf den anderen. Erst wenn das einmal passt, kann ich von einer guten betrieblichen Gesundheitsförderung reden. Diesbezüglich haben wir auch eine Klage eingebracht, weil wir es mit dem Dienstgeber nicht mehr ausdiskutieren konnten.

 

Welche Synergien zwischen eurem Betriebsrat und der Gewerkschaft gibt es? Warum sind viele Gewerkschaftsmitglieder wichtig?

Josef: Die Synergien sehe ich so, dass es immer wieder Themen gibt, mit denen man als Betriebsrat zum ersten Mal konfrontiert ist. Da ist es gut, wenn man auf Experten zurückgreifen kann. Zum zweiten Teil der Frage: Ich denke jeder, der der Gewerkschaft beitritt, stärkt die Ressourcen seiner Interessensvertretung. Wenn die Mitglieder vermehrt aus der Caritas kommen, gibt es eben mehr Ressourcen, für die Caritas zu arbeiten zum Beispiel im Rahmen der Kollektivvertragsverhandlungen. Höhere Löhne im Bereich soziale Arbeit sind absolut notwendig – das geht aber nur über die KV-Verhandlungen durch Stärkung der Gewerkschaft.

Gabi: Auch wenn wir Öffentlichkeit brauchen, brauchen wir gewerkschaftliche Unterstützung.

 

Wenn euch KollegInnen fragen, warum sie wählen  und euch ihre Stimme bei der Wahl geben sollen, was antwortet Ihr da?

Josef: Erstens sage ich den KollegInnen, dass man als DemokratIn immer wählen gehen soll, wo man die Möglichkeit hat zu wählen. Es ist nämlich keine Selbstverständlichkeit, dass wir das dürfen. Momentan wissen wir noch nicht wie viele Listen kandidieren werden, aber ich denke auch wenn sich nur eine Liste der Wahl stellt – dann ist die Wahlmöglichkeit zugegebener Maßen gering – signalisiert die Stimmabgabe  zweierlei:

Man schätzt, dass es grundsätzlich die Wahlmöglichkeit überhaupt gibt und man schätzt, dass es Leute gibt, die sich zur Verfügung stellen, um die Interessen der KollegInnen zu vertreten.

Gabi: Die Wahlbeteiligung zeigt in einem Unternehmen auch, wie die KollegInnen zum Betriebsrat stehen. Für mich bedeutet die Wahlbeteiligung auch Bestätigung und Dank für die bisher geleistete Arbeit und stellt einen Auftrag für meine weitere Arbeit dar.

 

Danke für das Gespräch.

 

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